Ochotnikov-Barsois

Die zwei Barsoi meines Freundes Hauptmann Gudscha

Von Maurice Cabé

Der Barsoi ist zur Zeit ein «Modehund». Er ist ein „stark gebauter“, sehr muskulöser Windhund mit einem langen Fang und einem sehr kräftigen Gebiss. Meist mit weißem Mantel, orangegelben, rötlichen oder grauen Abzeichen. Nur eines wird ihm vorgeworfen: er sei nicht sehr intelligent.

Ich habe gute Gründe, daran zu glauben, daß dieser schlechte Ruf des Barsois nicht berechtigt ist. Wer kann denn schon beurteilen, wo Intelligenz anfängt und wo sie aufhört. Vielleicht sollte man sein Verhalten bei ganz unerwarteten Ereignissen berücksichtigen?

Wenn wir die „verletzte Ehre“ vom Barsoi als intelligentem Hund wieder herstellen wollen, so liegt das unter anderem an folgender Geschichte, die ich euch hier erzählen will. Es ist kein Märchen sondern eine wahre Begebenheit, die von den beteiligten Leuten bestätigt werden kann.

Einige Monate nach dem Krieg (dem 1. Weltkrieg) – wie ihr seht ist es schon lange her – einige Monate nach dem Krieg also, hatte ich die Gelegenheit, einen Hauptmann aus Vrangels Armee kennen zu lernen. Er war aus Russland nach Paris geflüchtet. Man sah ihn immer nur in Begleitung von zwei herrlichen Barsois – seinen Leibwächtern – wie er sagte. Die beiden Hunde waren äußerst gehorsam. Bei Besuchen in einem Cafe oder Restaurant lagen sie immer zu seinen Füßen.

Hauptmann Gudscha Vorfnoff, besaß vor der großen Katastrophe (Revolution in Russland) große Ländereien im südlichen Russland. Nun in Paris, als wir uns begegneten, hatte er nur noch sehr beschränkte Einkünfte. Seine beiden vierbeinigen Freunde bekamen das jedoch nie zu spüren. Sie bekamen immer reichlich Futter, bevor sich ihr Herr um sein eigenes Wohlergehen kümmerte.

Eines Tages – wir hatten uns inzwischen etwas angefreundet – als wir den Hauptmann auf seine liebevolle Fürsorge für seine beiden vierbeinigen Freunde ansprachen, gab er uns folgendes zur Antwort:

„Ich werde die beiden niemals im Stich lassen, sie haben mir nämlich das Leben gerettet“.

Diese Aussage war ja eine Geschichte wert und unser Freund erzählte uns folgendes:

«Als ich im Dezember 1914 an vorderster Front in der Nähe der deutschen Grenze war, ließ mich der General rufen und übergab mir ein Schreiben, das ich sofort ans Hauptquartier überbringen sollte. Dank dem Verständnis meines Oberst, der ein großer Tierfreund war, durften mich meine beiden Hunde begleiten.

An diesem Tag herrschte dichtes Schneetreiben und das einzig mögliche Verkehrsmittel war der Schlitten. So fuhr ich also, nur von meinen beiden Barsois begleitet, mit dem von einem kleinen, nicht sehr umgänglichen Pferd gezogenen Schlitten in Richtung Hauptquartier.

Durch das dichte Schneetreiben war die ganze Landschaft von einem dicken weißen Mantel bedeckt und der Weg, den wir befuhren, war nur noch zu erahnen. Wir fuhren durch wild zerklüftetes, felsiges Gelände, an drohenden Abgründen und aus der Höhe herabfallenden Bergbächen vorbei. Plötzlich, ein gewaltiger Stoß und ein großer Schreck – unser Schlitten war an einen großen unter dem Schnee verborgenen Felsen gestoßen – und ich wurde in hohem Bogen vom Schlitten in die uns umgebenden Felsen geschleudert. Mit verletztem Bein und mehreren Rippenbrüchen blieb ich liegen. Das Pferd mit dem Schlitten war stehen geblieben, aber ich war zu schwer verletzt, um alleine aufstehen zu können.

Meine beiden Hunde kamen sofort zu mir. Sie spürten, daß ich Hilfe brauchte. Während mich der eine von Ihnen an Gesicht, Händen und Füßen beleckte, der eine Fuß war voll Blut, und sich dann neben mich legte, rannte der andere schnell davon. Und ein Windhund kann sehr schnell rennen ...

Er war zu unserem Lager zurückgelaufen, um Hilfe zu holen. Als er dort ankam, gebärdete er sich wie verrückt und bellte, was er sonst nie machte, so jämmerlich und fürchterlich, daß der Posten ein Unglück ahnte.

Mit dem Barsoi als Führer und mit einem Fahrzeug machten sich meine Kameraden auf die Suche. Sie fanden mich in einem sehr schlechten Zustand. Aber ohne meine beiden Hunde wäre ich im Schnee und in der Kälte gestorben. Man redet heute nur über die Intelligenz der Bernhardiner – aber ohne meine Barsois wäre ich heute nicht hier.

Versteht ihr jetzt, warum ich sie niemals verlassen und mich auch nie von ihnen trennen werde?»


 

Quelle: (aus der Zeitschrift „de l'Eleveur“, August 1934)

ins Deutsche übersetzt von Marie-Therese Bouvot und Franz Ehrler – Februar 2007

© Barsois von Ochotnikov – Marie-Therese Bouvot und Franz Ehrler

 

 

 

 

 

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