Mein Besuch in Russland – ein Blick zurück.
 

Wenn ich heute (inzwischen sind mehr als 3 Jahre vergangen) an die Wochen in Südsibirien zurückdenke, kann ich folgendes dazu sagen: Es war ein fantastischer “Urlaub”. Das Wichtigste für mich war jedoch – wenn ich heute zurückblicke – dass sich meine Vision vom Barsoi bestätigt hat. Mehr noch, das Bild, das ich im Kopf habe, hat wichtige Details dazu gewonnen und ist inzwischen noch viel klarer. Möglich war das nur, weil ich die Barsois bei der Jagd “in voller Aktion erlebt” habe, und das an jedem Tag und einige Male auch noch bei Nacht.
Im Nachhinein (so denke ich) hat sich meine Meinung bestätigt, dass sich die Barsoizucht, wie sie sich heute zu einem großen Teil darstellt, auf dem Weg in eine Sackgasse befindet. Ich will das nicht weiter selbst begründen, sondern zu wichtigen Punkten zu diesem Thema statt dessen einige der größten und erfolgreichsten Barsoiexperten aus der Vergangenheit zitieren:

Jermolov: Alle Hunde erstklassigen Schneids besaßen einen reckenhaften, gedrungenen Bau, dabei aber einen Körper wie Kautschuk und dürr und trocken.
Legt man jedoch bei der Zuchtwahl ein zu großes Gewicht auf die Reckenhaftigkeit, so kann man leicht eine fleischige Massigkeit erzielen. Wenn ich unter riesigen, störgleichen Hunden mit Kalbshinterteil niemals wirklich schneidige angetroffen habe, so kannte ich dafür nicht wenige fleischige Hunde, die einem Perscheron (französische Kaltblut-Pferderasse) ähnelten und schwerfällig galoppierten. Man darf nicht vergessen, dass die Mängel reinblütiger Hunde sich wieder zurechtstellen lassen, doch verlorene Reinblütigkeit wiederherzustellen fällt schwer. Um einen Hund als reinblütig ansprechen zu können, ist es geboten, dass er einen allgemein eleganten und edlen Eindruck macht, das ist ein sicheres Zeichen für Reinblütigkeit.
Dabei muss man dann noch berücksichtigen, dass die Größe der Barsois mit 15 Werschok (ca. 67 cm / Hündin) und 17 Werschok (ca. 76 cm / Rüde) angegeben wird (Anmerkung F. E.).

Jermolov: Doch sind weniger als 14 Werschok (ca. 63 cm) und mehr als 18 Werschok (ca. 80 cm) eher Nachteile als Vorzüge (Ein Werschok = 4,45 cm).

Sabanejev: K o p f : Die Schönheit und das Ebenmass des Kopfes ist beim Barsoi das wertvollste Kennzeichen des Adels.
... muss bei allen russischen Windhunden der Kopf schmal, trocken und lang sein.
... dem Kopf sollte daher in den neuen Rassekennzeichen ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, speziell bedarf die Profilfrage der endlichen Klarstellung. Immer noch gibt es Preisrichter, die das Widderprofil für den Barsoi charakteristisch halten. Klar und deutlich bezeichnet Sabanejev ein derartiges Profil als hässlich und fehlerhaft. ... Der russische Züchter verwirft solche Köpfe als untypisch.

Jermolov: Ramsnasige, vertiefte – hechtartige – aufgeworfene oder zu stumpfe Schnauzen sind Mängel.

Sabanejev: Die S c h n a u z e muss gleichmäßig dünner werdend zum Ende verlaufen, eine angemessene Länge besitzen und so trocken sein, dass auf ihr klar die Formen der Gesichtsknochen und Hauptvenen sichtbar sind.
Die N a s e muss stets schwarz oder dunkelzimtfarbig sein, eine lichte Nase ist ein großer Fehler und gilt als Zeichen eingetretener Entartung.
Bezüglich der Augenfarbe habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass sich bei wolf- oder ähnlichfarbigen Hunden fast durchweg helleres Braun findet als bei den weißen Barsois mit farbigen Abzeichen.

Jermolov: Das Endbein des Schädels (Hinterhauptstachel) muss spitz hervortreten.

Jermolov: Die E l l b o g e n der Vorderläufe müssen etwas ins Feld gerichtet sein (also etwas loseschultrig, welche Forderung für Hunde, welche schnell zu jagen und scharfe Wendungen zu machen haben, eine völlig richtige und entsprechende ist – trotz der gegenseitigen Ansicht vieler deutscher Kynologen. Die Red.) Das bedeutet im Klartext: Lose Ellbogen, in der Regel von den Zuchtrichtern bei den Arbeitshunden bemängelt, können kein Fehler sein! Es ist eher das Gegenteil der Fall (Anmerkung F. E.).

Sabanejev: Die P f o t e n sind bei allen russischen Windhunden stets mehr oder weniger länglich, also “Hasenpfoten” gewesen. Die Krallen sollen kurz und von glänzend schwarzer Farbe sein. Die altrussischen Hunde hatten dicht behaarte Pfoten, welche die Zehen vor Frost und Nässe schützten, während diese Behaarung beim heutigen Barsoi nur selten zu finden ist.

Lewschin: “je mehr die Pfoten bei einem Hunde denen des Hasen ähneln, ein desto besseres Zeichen für dessen Schnelligkeit ist es”.

Sabanejev: H i n t e r f ü ß e . Bei breiter Kruppe sind die Füße breit auseinander gestellt, von rückwärts gesehen miteinander parallel, bei schmaler Kruppe nähern sich die Sprunggelenke einander und die hintere Stellung des Hundes wird dadurch eine Kuhessige.
... Zufolge der übermäßigen Länge der Hinterbeine hielten die altrussischen Hunde dieselben entweder weit nach rückwärts gestreckt oder tief unter sich gestellt, wobei der Rücken stark gebogen werden musste: Der Hund scheint ein gespannter Bogen zu sein, jeden Augenblick zum losschnellen bereit. So werden von Hirschen, Rehen und Hasen die Hinterläufe gehalten; und sehr leicht ist es auch möglich, dass der so genannte Wurf (Brossok) hauptsächlich nur durch diese Stellung bedingt wird.

Jermolow: R i p p e n . Nicht völlig flach, wie beim Brachs, aber auch nicht tonnenförmig, sondern nur ein wenig konkav, damit die Atmungsorgane genügend Raum haben, bis zu den Ellbogen der Vorderläufe herabreichend. Der Leib muss, bis über die Hüften hinaus, eingezogen sein.

Sabanejev: .....Überhaupt soll bei Windhunden der Brustumfang unverhältnismäßig, etwa eineinhalb bis zweimal größer als der des Leibes sein.

Sabanejev: Das S t e u e r (der Schwanz). Das Wort “Steuer” allein weist auf die Bedeutung des Schwanzes beim Windhunde hin, als Lenker während des Rennens.
... Es ist daher nicht zu verwundern, dass vor Zeiten die Länge des Steuers auch als Maßstab für die Schnelligkeit und das Greifvermögen, die Sicherheit im Griffe, der Hunde betrachtet wurde.
... Am besten ist es, wenn das Ruder (Steuer/Schwanz) nicht bis zur Erde reicht, sondern dessen Ende etwa 4-6 cm darüber steht.

Sabanejev: Das H a a r . Das lange Haar, es ist ein charakteristisches Kennzeichen aller “Psowie” und jedenfalls haben sie davon auch ihre Benennung erhalten. “Psowie” d. h. “Haarige”, “behaarte Hunde”, von “Psowina” = “Hundebehaarung”, während “Barzoi” nichts weiter heißt als “der Schnelle” und ganz allgemein den “Windhund” bezeichnet gleichviel welcher Rasse, den englischen, italienischen, russischen, asiatischen. Den “langhaarigen” Windhund speziell nennt der Russe nur “Psowie”.
Der heutige Psowie (Barsoi) unterscheidet sich in Länge und Struktur (weich, seidenartig) des Haares wenig vom alten Hunde, doch hat er öfter ein mehr oder weniger gewelltes Haar.

Osherow hält Ringel (Locken) am Halse, l e i c h t gewelltes Haar vom Rücken bis zum Kreuz und mehr gewelltes Haar am Kreuz und den Hosen für zulässig; an den Rippen ist das Haar kürzer, fällt aber von den Rippenenden in langen seidigen Strähnen herab. Die Mehrzahl der heutigen Hunde hat keine Locken. Am Halse bildet das Haar, besonders bei Rüden, eine Art Mähne, wie beim Wolf.

Sabanejev: Die F a r b e . Als die typischsten Farben für alle Psowie müssen Grau und Fahl (weißgelb) mit allen ihren Schattierungen (Taubengrau, Maus- oder Aschenfarbe, Schmutziggrau und Schmutzigfahl, sowie das Bunt dieser Farben) bis zu Reinweiß und Fuchsrot gelten.

     

Nagrajdai - einer der besten und berühmtesten Baesoirüden, die es je gegeben hat. Träger der "Großen Goldmedaille".

 

Zu vielen heutigen Barsois fällt mir eigentlich nur ein passendes Wort ein: “Bauernadel”.

Wenn auf Funktionalität, Eleganz und Ausstrahlung kein Wert mehr gelegt wird, sondern stattdessen Körpergröße, Körpermasse und möglichst viel Fell gefragt ist, dann ist das in meinen Augen der Untergang der Rasse Barsoi! Außerdem haben diese Attribute mit Substanz nichts zu tun! Wenn auch die meisten Zuchtrichter das als solche sehen. Es sollte ein “MUSS” sein, dass Zuchtrichter (als Teil der Ausbildung) mindestens mehrere Wochen Russland besuchen müssen, nicht um Urlaub zu machen oder auf einer Ausstellung zu richten, sondern um Barsois bei der Jagd zu beobachten. Dann müssten sie eigentlich verstehen, warum wir uns zurzeit größtenteils auf dem Weg in die Sackgasse befinden.
Es gibt noch eine andere Möglichkeit, ein Ausweg aus diesem Dilemma: Aus der Rasse Barsoi zwei Rassen zu machen! [Eigentlich haben wir das ja schon, denn wenn man sich so manche Rassechampions anschaut, sieht man Fehler über Fehler und zum Jagen sind sie sowieso nicht mehr fähig. Selbst wenn der Jagdtrieb noch erhalten ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie solch ein Fellbär beispielsweise eine Jagd über mehrere km überleben kann (Überhitzung)].
Wenn ich richtig informiert bin, gehört der Barsoi zu den Jagdwindhunden. Er muss ja nicht jagen – aber er muss es können – denn sonst ist es kein Barsoi mehr!


Franz Ehrler – Barsois von Ochotnikov Dezember 2010
 

Quellen: Hundesport und Jagd 1907/1908
Historische Blätter von Dr. med. Barbro Kuhlo 1990 - 1992
Zeichnung Nagrajdai (Besitzer des Rüden: Tschebyshow) von N. A.
Martynow, aus dem Buch Portraits of Barzois exhibited by the Imperial
Society of the Royal court of Russia 1874 - 1879

Nach oben