Über den Zusammenhang von Zuchtauslese – Lebenserwartung – Gesundheit

von Franz Ehrler, Barsoizwinger „von Ochotnikov“, Januar 2016

Alle wünschen sich Hunde mit einer hohen Lebenserwartung und Gesundheit bis ins hohe Alter. Das ist wohl unbestritten. In diesem Zusammenhang ist es für mich jedoch absolut unverständlich, welche Kriterien heutzutage meist für die Zucht maßgeblich sind. Neben anderen Faktoren wie z.B. Fütterung spielt dabei auch die Zuchtauslese eine Hauptrolle.

Wie es zu diesem Artikel kam ??? Das ist relativ einfach zu erklären. Unsere Barsois sind für uns inzwischen zur Lebensphilosophie geworden und mir blutet das Herz, wenn ich sehe, wie die Rasse Barsoi langsam aber sicher (im doppelten Sinne des Wortes) zugrunde gerichtet wird. Lange schon bestand das Bedürfnis, hierüber ein paar Gedanken zu Papier zu bringen. Den letzten Ausschlag hierzu gab der Inhalt eines an mich weitergeleiteten e-mail's einer „Züchterin“. Ich zitiere:

... Und ich möchte Dir nur sagen, dass Du bitte daran denken solltest, welchen Eindruck solche Bilder im Auge des Betrachters hinterlassen. Das sieht aus, als ließest Du Deine Hunde verhungern! Ich weiß ja, dass die Erler-Hunde alle solche Typen sind, die man lange wegschließen muß, bevor man sie zeigen darf, aber das fällt auf Dich zurück! Bitte, mach Dir keinen schlechten Namen dadurch! … ◄

Mir fallen dazu nur Worte ein wie Respektlosigkeit, Unverschämtheit, Bösartigkeit, Rufmord, Ignoranz, Dummheit und Kleingeistigkeit! Und ich weiß, dass dies kein Einzelfall ist. Brauchen manche „Züchter“ solche Verhaltensweisen, um Ihr Unvermögen zu rechtfertigen?

Ich möchte eine Frage stellen: „Welchen Zweck haben Zuchtschauen?“

Ist es im Sinne der Rasse, schaffellartige Barsois an die erste Stelle zu setzen? Ohne Rücksicht auf gravierende anatomische Fehler (Beispiele gibt es mehr als genug!). Im eigentlichen Sinne dienen solche Veranstaltungen doch dazu, den Zuchtwert eines Hundes zu beurteilen. Wie kann ein Hund dann schlecht bewertet werden, wenn er zum Zeitpunkt der Ausstellung abgehaart ist? Der anatomisch gesehen jedoch weit besser ist? Der ein wesentlich besseres Gangwerk hat? Der noch Adel besitzt und eine entsprechende Ausstrahlung hat? Ist denn nur das Fell, die langen Haare wichtig für den Zuchtwert? Und möglichst groß und schwer? Anscheinend ja, denn die gängige Praxis bei den meisten Richtern lässt keinen anderen Schluss zu! Obwohl diese üppige Behaarung gar nicht barsoitypisch ist! Dazu braucht man nur die Bilder der alten glorifizierten Barsois betrachten. Selbst einem Laien würde der extreme Unterschied zu den meisten heutigen Champions auffallen...

Möglich wäre aber auch, dass die Richter gar nicht wissen, welche Kriterien für einen guten Barsoi wirklich wichtig sind ??? Erkennen sie z.B. nicht den Unterschied zwischen einem wirklich guten Gangwerk und einem „Bauerntrampel“? Den Unterschied merkt man spätestens beim Sport (Rennbahn, denn beim Coursing sind die Gepflogenheiten leider ähnlich wie bei Ausstellungen) oder bei der Jagd.

Ein weiterer Fakt ist, dass von vielen Richtern den Arbeitshunden „zu wenig Substanz“ bescheinigt wird. Das wirft die Frage auf, was verstehen diese Richter unter Substanz? Sie sind meiner Meinung nach nicht fähig, Substanz von Fett zu unterscheiden!

Doch nun zu den negativen Folgen dieser Ausstellungs- und Zuchtpraktiken. Die meisten Züchter züchten doch nur für die Ausstellung und für Geld und nicht weil ihnen die Rasse am Herzen liegt. Offenbar ist es für ihr Selbstwertgefühl wichtig! Denn wäre es anders, hätten wir keine Probleme mit verkürzter Lebenserwartung, mangelnder Gesundheit, Wesensprobleme (In einigen Kantonen in der Schweiz zählt der Barsoi zu den Kampfhundrassen! Und das nicht ohne Grund).

Vor einigen Jahren habe ich einen geplanten Wurf letztlich doch nicht gemacht, weil die Hündin auf der Bahn angefangen hatte zu raufen. Dieses Verhalten setzte sich dann zu Hause auch gegenüber Junghunden fort.

Andere Züchter haben damals über mein Verhalten den Kopf geschüttelt. Sie haben mich schlichtweg fürDummerklärt. Aber ich züchte nicht mit aggressiven Hunden! Ich habe die angehende Zuchthündin dann verschenkt.

Man macht ein Riesentrara um den Gendefekt DM und hetzt deswegen „hintenrum“ über andere Züchter – wobei dieses Problem ganz einfach zu händeln ist – und schweigt sich aus über viel schwerwiegendere (Erb-)Krankheiten (Beispiele: Herzprobleme, Schilddrüsenprobleme, Epilepsie, usw.). Im Gegenteil, man züchtet mit solchen Hunden lustig weiter … Lustig finden das jedoch weder die späteren Besitzer der Nachkommen noch die Hunde selber.

Eine andere Folge dieser mangelhaften/falschen Zuchtauslese ist der immer weiter fortschreitende Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung. Lag sie früher bei immerhin etwa 11-15 Jahren, liegt sie heute bei etwa 7-12 Jahren (je nach Zuchtlinien).

Viele Schönheitschampions sind doch nicht mal das Papier der Urkunde wert … wenn ein Züchter seine Hunde nicht mit „zwei Paar Augen“ ansehen kann, wie will er dann den Zuchtwert beurteilen?

– Danach, wie viele Titel er auf den Ausstellungen erhalten hat ???

Dazu möchte ich Euch über eine Begebenheit berichten, die schon weit über 30 Jahre zurückliegt. Es war in Sachsenheim während eines Wochenendes mit Ausstellung und Rennen. Wir waren mehrere Personen – darunter auch Herrn H.C. Zimmerle, Barsoi-Züchter und -Richter – und waren am diskutieren. Es kam eine bekannte Barsoi-Züchterin zu uns und fragte, ob sich Herr Zimmerle etwas Zeit für sie nehmen könne, was dieser bejahte. Sie hatte 2 Barsois an der Leine, einen Rüden und eine Hündin und wollte von ihm wissen, was er davon halte, die beiden zu verpaaren. Herr Zimmerle schaute sich die beiden Barsois genau an und sagte dann in breitem Schwäbisch: „Nex“ (nichts). Worauf die Züchterin düpiert (geschockt) erwiederte, „Aber Herr Zimmerle, das ist doch so ein hübscher Bub und so ein liebes Mädchen, das muss doch einfach schöne Babys geben“. Herr Zimmerle stand kurz da mit offenem Mund, konnte gar nichts mehr sagen und entfernte sich dann kopfschüttelnd … (Die Züchterin machte dann wenige Monate später diesen Wurf).

Es ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass sie ihre Hunde „nur“ mit den Augen des Liebhabers sah. Sie hat die Fehler, die ihre Hunde hatten, einfach nicht gesehen bzw. nicht sehen wollen. Für die Zucht ist das fatal.

Um verantwortungsvoll züchten zu können, muss ich fähig sein, meine „Liebhaberaugen“ auszuschalten um mit den Augen des kritischen Züchters schauen zu können.

Um nochmal auf die Ausstellungspraxis zurückzukommen: Viele Richter geilen sich (ich kann es wirklich nicht anders ausdrücken) an einer etwas steilen Schulter, an „losen Ellenbogen“ oder an einem fehlenden Zahn auf, übersehen aber gleichzeitig extreme Fehler der Hinterhand … aber die ist für einen Jagdwindhund ja auch nicht wichtig, oder ??? Und lose Ellenbogen ? können eigentlich gar kein Fehler sein, da es ein Zeichen für Schnelligkeit und Wendigkeit ist!

Ich zitiere dazu aus einem Artikel von Dr. H. Wegener 1): „Die russischen Rassekennzeichen des Psowoi, des wellhaarigen, russischen Windhundes.“

Dr. H. Wegener bezieht sich dabei auf die Erstbeschreibung 2) des „Psowoi“ von Nikolai Petrowitsch Jermolow 3):

Die Ellbogen der Vorderläufe müssen etwas ins Feld gerichtet sein (also etwas loseschultrig, welche Forderung für Hunde, welche schnell zu jagen und scharfe Wendungen zu machen haben, eine völlig richtige und entsprechende ist – trotz der gegenseitigen Ansicht vieler deutscher Kynologen. Die Red.)

Das bedeutet im Klartext: Lose Ellbogen, oft von den Zuchtrichtern bei den Arbeitshunden bemängelt, sind kein Fehler! Es ist eher das Gegenteil der Fall (Anmerkung F. Ehrler).

Zum Thema Anatomie möchte ich auch noch den letzten Absatz eines Artikels von der amerikanischen Barsoizüchterin und -richterin Anne Midgarden zitieren: 4)

Zusammenfassung der Studie:

Gemäß diesen Daten ist der Barsoi, wie er im russischen Standard beschrieben ist, ein schneller Barsoi. Der FCI, der AKC, der englische und der kanadische Standard widersprechen nicht dem russischen Standard oder den Resultaten der Studien, aber sie sind im Allgemeinen nicht so explizit und sind folglich der persönlichen Interpretation unterworfen.

Jede Auslegung irgend eines Barsoistandards, die einen langsameren, weniger funktionalen Windhund fördert, wäre falsch!“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!

Kommen wir zurück zum Thema Lebenserwartung. Es ist in vielen Studien über diverse Volksstämme der Menschen und auch über Säugetiere, nachgewiesen, dass das schnelle „Erwachsenwerden“ in einem direkten Zusammenhang steht mit einer kürzeren Lebenserwartung. Übertragen auf unsere Hunde bedeutet das, je schneller die Hunde „fertig“ sind, um so kürzer ist die Lebenserwartung !!!

Ich habe über diese Thematik einmal mit einem anderen Züchter diskutiert. Die Essenz seiner Aussage war, ich solle doch froh sein, wenn die Hunde nicht so alt werden, dann kann man ja früher wieder einen Welpen verkaufen … Dazu möchte ich mir jedoch jeden Kommentar ersparen.

Was die Gesundheit betrifft, ist es meiner Meinung nach wichtig, auf Leistung zu züchten! Das entspricht auch den Gesetzen der Natur! Da beim Hund die Natur weitgehend durch die Auslese (Auswahl) der Züchter ersetzt wird, ist es jedoch eminent von Bedeutung, welche Kriterien für die Zucht maßgebend sind! Ich kann nicht nachvollziehen, dass viele Züchter auf Leistung keinen Wert legen! Ist es Bequemlichkeit? Unwissenheit? Dummheit? Ignoranz?

Ich denke, es ist von allem etwas … die gängige Praxis bestätigt doch im Grunde genommen meine Auffassung! Und für mich sind solche „Züchter“ nur „Vermehrer“ ! Nicht mehr und nicht weniger!

Dazu möchte ich auch auf den Artikel Aus dem Barsoizwinger Pascholl von „Berta“ verweisen 5). Ich zitiere auszugsweise:

► „Die Arbeit ist der eigentliche Träger des Adels.“ In diesem Satz können wir Wesen und Richtung des neuzeitlichen Zuchtsports zusammenfassen. Wir haben gelernt, den Adel nicht mehr als eine Eigenschaft an sich, nicht mehr bedingungslos und unabhängig, sondern bedingt unter dem Gesichtspunkte der Rasse zu betrachten. Er war uns ehedem Feinheit und Vornehmheit im weitesten Sinne, jetzt ist er die höchste Spitze der Rasse, die vollendete Rasse selbst, die sich nicht in einer Reihe äußerer Zeichen, nicht in den einzelnen Formwerten, sondern im Zusammenklang aller innerer und äußerer Wesenszüge offenbart, abgestimmt auf den Grundton des Gebrauchswertes. In dieser Richtung bewegt sich unsere Zucht; sie hat ihre Aufgabe erweitert und das Ziel höher gerückt, und nur dadurch konnte sie sich kunstvoll und zur höchsten Leistung entfalten, dass sie die Arbeit, den Gebrauchszweck, voranstellte. So hat sie nicht nur die wichtige Gruppe der eigentlichen Gebrauchshunde geschaffen, sondern alle Rassen schärfer und sinnvoller umrissen und den ganzen Hundesport auf einen breiteren und gesünderen Boden gestellt.

 

Unbestreitbar sind die Diensthunderassen die bedeutendste Errungenschaft der neuzeitlichen Zucht, und ohne Frage ist dadurch auch die Zucht und Ausbildung der Junghunde befruchtet und gefördert worden. Aber den unmittelbarsten Einfluß hat sie auf den  W i n d h u n d  im allgemeinen, ganz besonders aber auf den Barsoi, den russischen Windhund, ausgeübt, dessen Zucht auf ein totes Gleis geraten, festgefahren war und keine Aufgabe mehr bot, dessen Zuchtgut erschöpft und versiegt war.

In dieser Not wandte man die Augen nach der russischen Heimat des Barsoi, um frisches Blut in die Zucht zu bringen, und so nahe auch dieser Gedanke lag, bleibt es doch immer das hohe Verdienst jener weitblickenden und entschlossenen deutschen und belgischen Sportmänner, die hochgemut und opferfroh den großen Schritt taten und vorangingen. Sie haben der Barsoizucht den Weg gezeigt, auf dem sie vor dem Schicksal übertriebener Verfeinerung und Entartung bewahrt blieb, haben auf die Arbeitsform des eingeborenen russischen Windhundes als das zu erstrebende Ideal hingewiesen und gelehrt, Schönheit und Leistung in einen innigen Zusammenhang zu bringen. Die Einrichtung von Windhundrennen und die Einführung mustergültiger Vertreter der besten russischen Stämme waren die starken Mittel zur Wiederaufrichtung der Rasse auf dem gesunden Boden der Gebrauchsfähigkeit … ◄

Der wichtigste und bedeutsamste Satz steht gleich am Anfang des Artikels. Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen! Des Weiteren steht da zu lesen ...

 

► … In Deutschland war es wohl Frau Else Mann auf Sponholz in Mecklenburg, die Besitzerin des Zwingers „Pascholl“, die sich am entschiedensten und glücklichsten der neuen Richtung zuwandte. Sie hatte deren Ziel, Zweck und Mittel klar erkannt und ihre Gedanken mit der ihr eigenen Sicherheit in die Tat umgesetzt. Man muß die Entwicklungsgeschichte der neueren Windhundzucht, wie ich sie dargelegt habe, kennen, um die Aufgabe in ihrer Größe und Tragweite würdigen zu können, die sich Frau Mann gestellt hatte und wer einen Maßstab hat für das erreichte Große, der wird auch wissen, welches Maß sicheren Blickes, unbeirrter Überzeugung von der Richtigkeit des Handelns, zäher Ausdauer dazugehörte, um nach wenigen Jahren mit so glänzenden Ergebnissen in die Öffentlichkeit treten zu können. Gewiß, auch das Glück muß dem Züchter hold sein; aber wie vielen Züchtern hat es schon gelächelt, und wie wenige haben es verstanden, die launische Göttin zu bannen.

Säume nicht das Glück zu küssen, denn es eilt in stetem Lauf,

es beschenket uns mit Nüssen, doch es knackt sie uns nicht auf.“

Es ist schon ein Geschenk der Götter, wenn gleich den ersten Versuch ein glückliches Ergebnis lohnt, noch ehe die allernotwendigsten Erfahrungen gesammelt, die elementarsten Kenntnisse erworben sind, um allen Zufällen gegenüber gerüstet dastehen, alle Möglichkeiten weitblickend ins Auge fassen zu können. Mögen auch der tatenfrohen Gründerin des Sponholzer Zwingers Nüsse in den Schoß gefallen sein, aufgeknackt hat sie sie selber; sie ist so wundervoll sicher ihre eigenen Wege gegangen, so klar und gerade dem Ziel ihres Strebens entgegengeschritten, hat sich so leicht und siegreich zur Meisterschaft emporgearbeitet, wie es nur die ganz Starken und ihrer Kraft Bewußten vermögen. … ◄

► … Und Mara riß in der Hündinnenklasse zu Berlin 1915 die Führung an sich, stellte sich gleichwertig neben Isma Beresina 658 und zog aller Augen auf sich. Der Kopf ausgezeichnet durch die Schönheit und Sicherheit seiner Plastik, das ganze Bild im Zeichen des Gebrauchshundes und übergossen von strahlendem Adel, dem Adel der Arbeitsform. … ◄

Ich denke, diese Erfolge des sehr bekannten und erfolgreichen historischen Zwingers Pascholl gründen sich nicht nur auf Glück und Können, sondern vor allem auch auf die Vision von Frau Mann von eleganten, stolzen, aristokratischen und leistungsstarken Barsois.

In einem weiteren Artikel 6). im gleichen Buch schreibt Berta:

► … „Rasse und Vollblut sind Ergebnisse der Erziehung“, sagt derselbe Waltzoff 7), im Rahmen passender Umgebung und passender Bedingungen ganzer Geschlechter von Tieren, und man kann alle Rassewerte trotz reinster Blutwahl aufs Spiel stellen, wenn man die Tiere mehrere Geschlechtsfolgen hindurch falsch aufzieht. In Lauchröden gab es keine Zwingerhunde, den wenigen Insassen, die dort gehalten wurden, war alles geboten, um sich ganz auszuleben, zur vollsten rassigen Entfaltung zu gelangen, unbegrenzter Raum, vortreffliche Ernährung, Freiheit und Umgang mit den Menschen. Und dieser, der vertraute Verkehr mit der Herrin, trug nicht wenig zur Veredelung der Rasse, zur ungehemmten Entwicklung ihres inneren und äußeren Wesens bei; indem er ihn dem Menschen näherbringt, erhebt und erhöht er den Hund, wie das Tier überhaupt, es lernt diesen verstehen und fühlt sich selbst verstanden, er ist der eigentliche Boden, auf dem sich alle Eigenwerte zu einem harmonischen Ganzen bilden. „Der Züchter macht den Welpen, der Aufzüchter den Hund“. ...

Auch Dr. Hellmuth Wachtel 8), ein weltweit bekannter Kynologe, schreibt über das „Problem verkürzter Lebenserwartung und Häufung von Gendefekten und (Erb-)Krankheiten.“

In seinem Artikel 9) „Genetik - Die Tücke des Zufalls“ schreibt er:

 ► ... Durch Leistung zum Sieg über den verhängnisvollen Zufall?

Es ist eine in der Genetik bekannte Tatsache, dass der Engzuchtdepression entgegengewirkt werden kann, wenn auf Heterozygotie selektiv gezüchtet wird. Dies könnte u.U. auch in der Hundezucht züchterisch nutzbar gemacht werden bzw. vielleicht erfolgt dies bereits unbewußt. Gemeint ist die Zucht von Hunden, denen besondere physische und psychische Leistungen abverlangt werden.

Eine gewisse Selektion auf Leistung ist daher für alle Rassen sehr günstig, wird sie allerdings übertrieben, führt auch die Selektion zu genetischer Verarmung! Diese Gefahr ist leider auch dann gegeben, wenn Erbdefektträger bestimmter Krankheiten durch neue Gentests erkannt werden können und man zu viele dieser Tiere aus der Zucht ausscheidet. Vielmehr muss man zunächst durch Paarung von im Übrigen wertvollen Defektträgern mit Defektgen freien Tieren die Krankheit in der Nachzucht verhindern und nur allmählich den Anteil der Defekträger vermindern. ...

Nachfolgend Auszüge aus einem Interview 10) :

... Warum ist denn Rennen für Hunde so wichtig?

Dr. H. Wachtel: Wölfe sind wahre Laufexperten, die hunderte von Kilometern in ziemlich hoher Geschwindigkeit bewältigen können. Sie besitzen ver-schiedene Fortbewegungsarten von Gehen zu Trab bis hin zum Galopp. Das alles hat der Hund geerbt. Das bedeutet, dass die meisten Hunde ebenso ausgezeichnete Laufsportler sind wie ihre Vorfahren.

 Da kommt das Rennen im normalen Hunde-Alltag wohl häufig zu kurz?

Dr. H. Wachtel: Genau das ist das Problem. So wie wir unsere Hunde in der Regel halten, kommen sie nicht auf das Pensum an Bewegung, das sie eigentlich nötig hätten. Relativ zum Körpergewicht ist das Herz eines Hundes ja viel größer als das eines Menschen. Ein Hund würde zum Beispiel eine längere Strecke nie im Gang zurücklegen. Normalerweise wird er traben mit einer Geschwindigkeit von etwa 8 bis 12 km/h. Leider müssen sich unsere Hunde aber beim Ausgehen die meiste Zeit mit langsamen Bewegungen an der Leine bei 4 oder 5 km/h begnügen – fast eine Tierquälerei. Das ist weder psychisch noch physisch gesund, es frustriert und bringt nicht die nötige Kondition. ...

Welche positiven Effekte sind zu beobachten bei Hunden, die regelmäßig Rennsport betreiben?

Dr. H. Wachtel: Mit zunehmendem Training steigert sich ihre Leistung, die Blutmenge wird größer und die Muskelmasse nimmt zu, nicht zuletzt werden die Knochen gestärkt. Sekundär sind Hunde, die sich sportlich betätigen, auch anpassungsfähiger und zufriedener. … ◄

Im Russischen gibt es ein Sprichwort: „Zeig mir Deine Erfolge, dann weiß ich, wie gut Du bist“. Auf unsere Hunde bezogen bedeutet das nicht, wie viele Pokale wir mit ihnen auf Ausstellungen gewonnen haben, sondern wie erfolgreich sie bei der Jagd waren. Nun ist es in Westeuropa leider nicht möglich, unsere Hunde bei der Jagd zu testen, aber es gibt ja Ersatz (Rennbahn / Coursing). Das Argument vieler Züchter „Heutzutage brauchen wir keine Barsois mehr, die jagen können“ ist für mich weniger wert als ein Blatt von einer Rolle WC-Papier. Das Leistungsvermögen von unseren „Jagdwindhunden“ ist für die Zuchtauslese ein Hauptkriterium und wer das nicht versteht, sollte die Finger von der Zucht lassen!

Ich möchte meinen Artikel mit einem Satz beenden, der für mich einer der wichtigsten Grundsätze für gute Barsois ist:

 

Unsere Barsois müssen nicht jagen – aber sie müssen es können!

 

Quellennachweis:

1) Die russischen Rassekennzeichen des Psowoi, des wellhaarigen, russischen Windhundes.von Dr. H. Wegener, erschienen in „Hundesport und Jagd“ im Jahre 1907. Dr. H. Wegener hat die Europäische Barsoizucht maßgeblich mitgeprägt.

2) Erstbeschreibung des Barsois, von Nikolai Petrowitsch Jermolow.

Veröffentlicht in dem Buch „Beschreibung der typischen Kennzeichen von Jagdhunden“

St. Petersburg 1888 (praktisch die erste Fassung des Barsoi-Standards).

3) Nikolai Petrowitsch Jermolow war einer der größten Barsoikenner und -jäger von Rußland.

4) „Anmerkungen über Körperbau und Geschwindigkeit beim Barsoi von Anne Midgarden Juni 2007. Erschienen in „European Borzoi“, Heft Nr. 40/2007

Nachzulesen auch auf meiner HP (Barsois-von-Ochotnikov.npage.de) unter der Rubrik „Rund um den Barsoi“.

5)Aus dem Barsoizwinger Pascholl von „Berta“. Erschienen im großen Jubläumszuchtbuch des DWZRV für die Jahre 1931/32 „Das große Windhunderbe“.

Reprint Kynosverlag 1985

6)Zwinger Windsbraut von „Berta“. Erschienen im großen Jubläumszuchtbuch des DWZRV für die Jahre 1931/32 „Das große Windhunderbe“.

Reprint Kynosverlag 1985

7) Dimitri Walzoff ist der Autor eines der bekanntesten Barsoibücher: „Die Perchino-Jagd“

8) Dr. Hellmuth Wachtel, geboren 1925 in Wien, ist ein weltweit bekannter Kynologe, Genetiker und Autor, unter anderem auch Übersetzungen von Fachliteratur aus 12 Sprachen.

9) „Genetik - Die Tücke des Zufalls“ Artikel von Hellmuth Wachtel auf www.Hunde.com

10) “Rennsport für alle?“ Titel eines Interviws mit Dr. Hellmuth Wachtel, erschienen im Journal Partner Hund“ 05/2007

 

 

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